15. September 2019

Es ist Sonntag, der zweite Tag in Indien. Wir fuhren von Vellore in ein kleines Dorf namens Pallakuppam. Als wir in den Bus stiegen, war eine kleine Unsicherheit in der Gruppe zu spüren: Keiner von uns wusste, was wirklich auf uns zukommen würde. Das einzige, was wir wussten: Es geht auf’s Land, um dort die BCC (Basic Christian Communities) kennen zu lernen. Was genau uns erwarten würde und welche Armut, das war uns fremd.

Der Bus fährt los, und wir sind bereit für ein neues Abenteuer. Der Busfahrer macht die Musik an. Indische Beats tönen aus dem Lautsprecher. Mit indischem Fahrstil geht es immer tiefer von der Stadt ins Land hinein. Ja, wir sind nun wirklich ein wenig mehr in diesem fremden Land angekommen. Träumerisch aus dem Fenster schauend und die großartigen Gebirgszüge bestaunend, werden wir von unserem Guide Fr. Ramesh aus unseren Gedanken herausgerissen: „In fünf Minuten sind wir da.“

Dass sich ländliche Ortschaften von städtischen unterscheiden, ist wohl jedem klar. Auch wir machten diese Erfahrung neu. Die eine oder der andere stellte sich wohl nur vor: Indien und Land = große Armut. Das trifft leider auch auf viele Regionen in Indien zu. Und auch dort, wo wir hingekommen sind, sind die Menschen materiell viel ärmer und müssen viel einfacher leben, als wir es von daheim kennen.

Es hat mich beeindruckt, dass unsere Gruppe keine großen Probleme hatte, selbst einfach zu leben. Dazu kommt, dass wir über die erste Woche ohne Internet sind, da dies einfach nicht möglich ist und war. Ich bin wirklich kein Minimalist, und ich genieße unseren Wohlstand in Deutschland. Dennoch merke ich, dass weniger gerade viel mehr ist. Diese Freiheit, jetzt nur für andere Menschen da sein zu können und zu müssen, die neben mir sind, schafft Weite und beruhigt. Dieses Gefühl hatte ich in Deutschland schon lange nicht mehr.

Unser Bus hält vor einer Kirche. Dort warten schon Menschen mit Luftballons in einer Reihe auf uns. Der Pfarrer steht da mit seiner weißen Soutane und sortiert die Kinder wie Don Camillo in seinen Filmen.

Nachdem wir gemeinsam die Sonntagsmesse gefeiert hatten, trafen wir uns zunächst mit den Jugendlichen der Pfarrei. Wir redeten offen über so manche Dinge, auch wenn die Kommunikation ein wenig erschwert war durch die fremde Sprache und eine natürliche Unsicherheit gegenüber den fremden Menschen. Indische Jugendliche sind anders als deutsche Jugendliche – klar, aber sie haben etwas Besonderes an sich, etwas Verborgenes, das mir neu war. Es macht Spaß, ihnen zuzuhören und zu beobachten, wie sie gestikulierten. Eine Mischung von Bestimmtheit und Scheu war es, was sie so besonders machte.

Am Ende des Tages gingen wir in die Häuser von Familien. Immer zu zweit besuchten wir die Menschen, die jeweils zu einer BCC gehören. Beim Geruch von Viehstall und gekochtem Essen saßen wir im Wohnzimmer der kleinen Häuser. Wir nahmen dann zu zweit am abendlichen Treffen einer BCC teil, um zu erfahren, wie sie sich treffen, um gemeinsam die Heilige Schrift nach dem Sieben-Schritte-Modell der BCC zu lesen.

Natürlich war dies eine fremde Situation, da wir nicht nur eine andere Sprache sprachen, sondern auch Fremde waren – Fremde in einem fremden Haus in einem fremden Land mit einer fremden Kultur. Obwohl wir also Fremde waren, waren wir zugleich Mitglieder der Heimat der Anderen. In diesem „Zwischen“ von Zuhause und Fremde war an diesem Tag die Gefühlslage, und ich denke, dass uns dieses „Zwischen“ weiter auf der Fahrt begleiten wird.

Rafael Moser