16. September 2019

Der heutige Tag stand ganz unter dem Zeichen des Erlebens. Den Morgen begannen wir wie immer mit einem kurzen geistlichen Impuls – diesmal auf der Dachterrasse des ehemaligen Konventsgebäudes, in dem wir untergebracht sind, mit wunderbarer Aussicht auf die Hügel der Umgebung, die auch später am Tag noch eine Rolle spielen sollten. Nach einem reichhaltigen Frühstück brachen wir in eine nahe gelegene kleine Ortschaft auf, um dort eine Lederfabrik zu besuchen.

Die Fahrt bestritten wir auf der Rückbank von „Tuc-Tucs“, kleinen Autos auf drei Rädern. Das machte großen Spaß und ermöglichte uns, die Landschaft mit allen Sinnen wahrzunehmen.

Zunächst trafen wir uns dann mit einigen Mitgliedern der dortigen Gemeinde in ihrer Kirche und lernten, wie man aus Blättern, Tabak und Bindfäden Zigaretten dreht – „Bidi Bidi“ heißen sie –, für mich eine spannende Erfahrung, da wir uns bei unseren Versuchen als deutlich unbegabter erwiesen als die Zigarettendreher. So war das Eis schnell gebrochen, und wir haben viel gelacht und uns ausgetauscht.

Der anschließende Besuch in der Lederfabrik verdeutlichte uns, wie anders die Arbeitsbedingungen in Indien aussehen. Sicherheitsvorkehrungen für die Arbeit an den großen Maschinen suchten wir vergeblich und waren doch überrascht, wie sich ein solch kleiner Betrieb halten kann.

Auf dem Rückweg machten wir mit unseren Tuc-Tucs unverhofft einen kleinen Abstecher ins Grüne und holperten unfallfrei über die schmalsten und schlammigsten Pfade. Irgendwann hieß es dann: Aussteigen und zu Fuß weiter! Mit mehr oder weniger angemessenem Schuhwerk bestiegen wir dann einen kleineren Berg und durften oben mit einigen Mitgliedern der Gemeinde Kaffee und Kekse und später sogar ein eigens zu Fuß herauftransportiertes Mittagessen genießen, während sich unter uns der Wald und vor uns große Felsformationen ausbreiteten. Es war ein schönes Miteinander, auch wenn es seltsam war, dass der Großteil der Menschen, die aus der Gemeinde mitgekommen waren, erst nach uns und nicht mit uns zu Mittag aß. Zudem unterschätzten wir die Mittagssonne ein wenig und mussten uns später mit sonnenbrandbedingten Konsequenzen herumschlagen.

Am Nachmittag fanden wir Zeit für ein ausführliches Reflexionsgespräch innerhalb unserer Gruppe. Besonders bewegt haben uns dabei Themen wie die Rolle der Frauen mit ihren großen Herausforderungen, Pflichten und Verantwortungen innerhalb der indischen Familien, das System der BCC (= Basic Christian Communities) und seine Umsetzung hier in Indien sowie dessen Potenzial in Deutschland, ebenso das Verständnis des Priesteramts in Indien. Uns allen hat es gutgetan, die Geschehnisse der vergangenen Tage noch einmal in einem tieferen Sinne zu besprechen und uns gegenseitig Denkanstöße zu vermitteln.

Beim Tee erläuterte Fr. Ramesh noch einmal genauer die vier Säulen der BCCs: „Neighbourhood“, „Gospel Sharing“, Mission“ und „Union with the Local Church“. Dabei hat mich besonders der Punkt „Mission“ beeindruckt, da hier die durch das Lesen des Evangeliums erworbenen Erkenntnisse und Reflexionen in die Tat umgesetzt werden und so die Gemeinde aktiv ins Handeln bringen. So kann gemeinsam eine Lösung für aktuelle Probleme in der Nachbarschaft gefunden werden, ohne dass die Verbindung zur Pfarrei aus dem Blick gerät. Beschäftigt hat mich auch die Frage, inwiefern BSSs in Deutschland umgesetzt werden können.

Am Abend bekamen wir wieder die Möglichkeit, BCCs zu besuchen und in zwei Hausgemeinschaften die Messe mitzufeiern.

Theresa Zoeller