Montag, 23. September 2019

Heute war für uns alle ein etwas ruhigerer Tag, an dem wir gleichwohl wieder einiges erlebt und viel Neues gesehen haben. Am Morgen brechen wir mit dem Minibus nach Norden in die Nähe von Kannur auf. Nach zwei Stunden Fahrt durch die üppige Hügellandschaft besichtigten wir zunächst ein von der Diözese Tellicherry getragenes College mit einem Schwerpunkt auf Ingenieurswesen. Dort werden wir von den Fathers spontan zu Kaffee, Tee und Snacks eingeladen. Gestärkt geht es nun weiter bergauf, und das letzte Stück bis zum Gipfel des zweithöchsten Berges von Kerala legen wir zu Fuß zurück. Hier erwartet uns eine grandiose Aussicht auf die ganze Umgebung, und mir wird wieder einmal bewusst, wie grün und fruchtbar Kerala im Gegensatz zu manchen Gegenden in Tamil Nadu ist. Auf unserem Trip auf den Berg werden wir von Fr. Matthew, einem Studienfreund von Fr. Philipp begleitet, der uns mit seinem freundlichen Wesen und seiner Ortskunde zur Seite steht. Anschließend besuchen wir auch noch die Kirche seiner ehemaligen Parish. Zur Mittagszeit treffen wir in einem Pflegeheim mit angeschlossenem Hospiz ein, wo uns die Schwestern vom Heiligen Kreuz zunächst rührend mit Schnitzel und Pommes bekochen. Father Phillip war hier selbst für ein Jahr Direktor, sodass es ihm heute wichtig ist, uns das Center zu zeigen und wir die Möglichkeit bekommen, uns umzusehen und mit den Bewohnern zu sprechen, die sich sehr über unseren Besuch freuen. Am Nachmittag machen wir uns auf den Rückweg nach Thalassery. Auf dem Heimweg haben wir bei einem kleinen Zwischenstopp im Heimatdorf unseres Fahrers Gelegenheit, seine Frau und seine kleine Tochter kurz kennenzulernen; die Kleine hat tags zuvor Geburtstag gefeiert – leider ohne Papa.

Mittlerweile merke ich, dass die vielen Eindrücke langsam etwas erschöpfend wirken, sodass ich über etwas Zeit für Reflexion und Stille am frühen Abend froh bin, um am nächsten Morgen wieder frisch und aufnahmebereit in den Tag zu starten. Auch die vielen, wenn auch größtenteils warmherzigen und gastfreundlichen, Begegnungen, sind zwar intensiv und kosten Kraft, stellen aber doch immer eine Bereicherung dar.

Am Abend sind wir beim Erzbischof von Tellicherry zum Abendessen eingeladen und dürfen auch das Bischofshaus anschauen. Den Erzbischof erleben wir als sehr freundlich und gelassen. 

Unsere abendliche Reflexion dreht sich dann vor allem um die Erlebnisse im Pflegeheim, wo es Menschen, ermöglicht wird, ein würdiges Leben zu führen, die sonst vergessen würden. Dies ist etwas Besonderes, denn in Indien ist es eigentlich verpönt, seine Eltern nicht selbst zu pflegen. Aber auch die Unterschiede zwischen der Kirche in Kerala und der von den BCCs geprägten Kirche in Tamil Nadu beschäftigt uns im abendlichen Gespräch. Insgesamt haben wir hier in Kerala deutlich mehr Wohlstand, aber auch stark vorgegebene Strukturen in Ritus und Glaubenspraxis erlebt.

Theresa Zöller