Mittwoch, 25. September 2019

Wer eine Reise tut, kann viel erzählen. Ganz nach diesem Motto geht es auch heute bei uns weiter. Wir sind nun fast am Ende der Reise angelangt. Gestern haben wir Talassery verlassen und sind zu unserer letzten Unterkunft Mithradham gefahren. Der Abschied von unserem Freund Fr. Philipp, von Sr. Vincy und dem Team im Pastoralzentrum war bewegend. Eine lange Fahrt stand uns bevor. Aber wir haben sie mit wichtigen Gesprächen, viel Schlaf zwischendurch und Musik gut überstanden.

Wer eine Reise tut, kann viel erzählen, und Indien gibt zusätzlich noch viel Anlass dazu. Wir haben nun wirklich schon sehr viel erlebt, und Talassery ist dann noch einiges an Gesprächsstoff dazugekommen. Auch hier in Mithradham ist es jetzt noch an den Gesprächen zu merken, dass die letzte Diözese viele Fragen sowohl zur Theologie als auch zur Kultur nach sich zieht. Mir persönlich hat der Austausch darüber sehr gut getan, und ich verstehe jetzt viel besser, warum die Dinge dort so sind wie sie sind.

Ich schreibe ein paar Sätze zu Mithradham, die beschreiben, wo wir gerade sind. Mithradham ist ein Gebäudekomplex, ein Studienzentrum, das ausschließlich über erneuerbare Energien versorgt wird. Der offizielle Name lautet daher auch „MITHRADHAM Center for Renewable Energies“. Ein Ordenspriester, Fr. George Peter Pittappillil CMI, arbeitet hier mit einem kleinen Team und forscht über Nachhaltigkeit im Alltag. Diese Station steht auf unserem Programm, weil die Diözese Rottenburg-Stuttgart dieses Projekt seit vielen Jahren stark unterstützt.

Der heutige Tag ist anders als all die anderen Tage. Wir sind nicht von Ort zu Ort gepilgert, sondern sind im Zentrum geblieben haben verschiedene Vorträge gehört. Unter dem Motto „Nachhaltigkeit“ werden Fragen aus Naturwissenschaften und Theologie diskutiert. Anfänglich bin ich gegenüber dem doch sehr „schulischen“ Tag eher skeptisch gewesen, doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erscheint es mir sehr sinnvoll, dass wir uns gerade in Indien über solche Themen auseinandersetzen. Wenn ich „Indien“ und „Umwelt“ höre, denke ich sofort an riesige Mülldeponien, auf denen Menschen für einen Hungerlohn arbeiten. Der Unterschied zu ihnen besteht darin, dass wir uns vielleicht kurz emotional von diesen Bildern berühren lassen, aber dann doch rasch weiter zappen, um das Elend nicht wirklich sehen zu müssen. Ihr Alltag ist geprägt von einer verschmutzten und vermüllten Umwelt. Sie können nicht weiterzappen, sondern müssen es aushalten und damit leben. Unter diesem Gesichtspunkt finde ich das Projekt Mithradham hervorragend.

Ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass das, was wir hier kennenlernen, ein schönes und buntes Indien ist. Ein Land, dessen Menschen die Welt nicht in zwei Farben sehen – schwarz und weiß -, sondern die stolz sind auf seine Vielfalt und Einzigartigkeit. Besonders imponieren mir die Christen hier. Auch wenn sie eine Minderheit sind, versuchen sie mit Glauben, Bildung und in großer Kreativität ihr Kirchesein zu leben und ihre Werte in die Gesellschaft einzubringen. So wird Indien noch bunter. Vielfalt in der Einheit ist nicht nur in der Kirche zu beobachten, sondern auch in der Gesellschaft. Ich wünschte mir diese Offenheit für die Vielfalt auch in Deutschland.

Raphael Moser