Freitag, 27. September 2019

Den letzten Tag unserer Reise verbringen wir auf einem Hausboot in den Backwaters südlich von Kochi. Eine malerische Landschaft mit verwinkelten Flussarmen und weitgehend unberührten Landzungen lässt Urlaubsfeeling in der Gruppe aufkommen. Wir haben Zeit, bei schönem Ausblick und gutem Essen einfach mal die Seele baumeln zu lassen.

 

Ganz untätig bleiben wir jedoch nicht und setzen uns bei Kaffee und Tee zum ersten Teil unserer großen Abschlussreflexion zusammen. Diese untergliedern wir in folgende Themengebiete: gesellschaftliche und kirchliche Strukturen, Schöpfung, Werte und Exposure (sich aussetzen).
Wir erzählen uns gegenseitig von unseren unterschiedlichsten Exposure-Erfahrungen.
Auf unserer Reise haben wir eine unglaublich große Offenheit und Gastfreundschaft erfahren. In den Gemeinden und Familien, die wir kennenlernen durften, wurden wir herzlich eingeladen. Besonders fasziniert hat mich die Tatsache, wie persönlich und intensiv wir mit Menschen kommunizieren konnten, auch wenn wir keine gemeinsame Sprache gesprochen haben. So schön diese Gastfreundschaft auch war, hat sie uns phasenweise auch überfordert. (Selbiges gilt übrigens auch für den Straßenverkehr).

Andererseits haben wir auch erlebt, wie eingefahren die gesellschaftlichen Strukturen mancherorts immer noch durch das kastengeprägte Denken sind. Gewalt gegen Frauen, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus werden in persönlichen Gesprächen mit Inderinnen thematisiert. Umso bewundernswerter finde ich, wie stark die Frauen auf uns wirkten, obwohl sie oft mit dem Zusammenhalt der Familien eine große Bürde tragen. Familien sind dort die sozialen Netzwerke, welche Sicherheit und Fürsorge bieten. Wer keine hat, ist hier oft in großer Not.

Herausfordernd war ebenfalls die Erfahrung, zu sehen, wie Menschen in Armut und Reichtum nebeneinander leben. Zwischen großen Villen stehen kleine instabile Behausungen, Obdachlose liegen unter der Brücke im Dreck und gegenüber gehen andere zum Einkaufen in das Shopping-Center. Mit einer Art Gleichgültigkeit und Empathielosigkeit wird das Individuum sich selbst überlassen.

Auch beim Thema Natur, Nachhaltigkeit und Schöpfung diskutieren wir zwiespältige Erfahrungen. Der unglaublichen Schönheit, die uns in Kerala und dem heutigen Trip in den Backwaters geboten wird, stehen Überschwemmungen und Umweltverschmutzung entgegen. Wir sehen Häuser, die fast im Wasser stehen, und solche, die schon verlassen wurden. Unmittelbar wird uns bewusst, welche Auswirkungen der Klimawandel hier auf Natur und Mensch hat.
Zurück in Mithradham lädt uns Father George Peter zu einem leckeren Abschlussessen ein. Den Abend lassen wir bei guten Gesprächen auf der eigens für uns liebevoll dekorierten Terrasse ausklingen. Ich fühle mich an diesem einzigartigen Ort sehr wohl und kann es kaum glauben, dass es morgen tatsächlich schon wieder nach Hause geht.

Lisa Röhrenbach