Mutig und zukunftsweisend.

Es ist selten, dass ein Politiker, eine Politikerin noch nach der Amtszeit für eine politische Entscheidung gelobt wird und sogar einen Preis zuerkannt bekommt. Angela Merkel, die 16 Jahre lang Bundeskanzlerin unseres Landes war, ist das nun passiert. Sie erhält den Félix Houphouët-Boigny-UNESCO-Friedenspreis und zwar in expliziter Anerkennung ihrer Entscheidung im Jahr 2015, mehr als 1,2 Millionen Flüchtlinge aufzunehmen.

Kaum eine andere politische Entscheidung der letzten zehn Jahre hat innerhalb Deutschlands so viel Diskussionen hervorgerufen und Widerspruch gefunden. Der Aufwind für die dezidierte Anti-Flüchtlings-Politik, wie sie die AfD betreibt, gibt dafür ein trauriges Zeugnis. Es ist beschämend, dass diese Entscheidung innerhalb Deutschlands bis heute vielfach als der Sündenfall der merkelschen Politik gewertet wird, während sie im Ausland und bei internationalen Institutionen wie der UNESCO als mutig und zukunftsweisend gelobt wird.

Die Entscheidung der UNESCO ist gerade jetzt so wichtig, weil sich eine neue Krise ankündigt, da immer mehr geflüchtete Menschen aus der Ukraine in Deutschland Sicherheit und Schutz suchen. Die Zahl der Geflüchteten hierzulande ist bereits ein halbes Jahr nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs höher als 2015. Die Erstaufnahmestellen laufen bereits über und die Politiker müssen andere Möglichkeiten finden, diesen Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben, und wollen auf Turnhallen und ähnliche Gebäude zurückgreifen. Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist zwar (noch?) eine andere als 2015/16, weil der Krieg in der Ukraine in unserer Nachbarschaft passiert und uns mehr unter die Haut geht. Außerdem sind die Ukrainer fast durchweg Christen und haben den festen Willen, in ihr Land zurückzukehren, und im Gegensatz zu den meisten Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Myanmar werden sie hoffentlich auch bald die Möglichkeit dafür erhalten. Doch ist es gerechtfertigt, zwischen Flüchtlingen und Flüchtlingen zu unterscheiden?

Auch der nicht mehr zu leugnende Klimawandel wird eine Ursache dafür sein, dass sich immer mehr Menschen gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen. Die Zahl von über 100 Millionen Menschen, die derzeit weltweit auf der Flucht sind, wird ohne jeden Zweifel weiter steigen.

Deutschland ist in dieser Situation aufgefordert, die Türen weiter zu öffnen und den eigenen Wohlstand mit Menschen in der Not zu teilen. Wir haben keine Verdienste daran, dass wir in einer klimatisch gemäßigten Region leben und den Klimawandel, den wir als eines der größten Industrieländer der Welt maßgeblich mit verursacht haben, viel weniger zu spüren bekommen als die meisten armen Länder des Südens. Daraus erwächst uns eine Verpflichtung. Gut, dass uns die UNESCO daran erinnert, dass wir uns dieser Verantwortung schon in der Vergangenheit mutig gestellt haben. Jetzt ist dieser Mut wieder gefragt.

Domkapitular Msgr. Dr. Heinz Detlef Stäps

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