Beginn eines fruchtbaren Dialogs? Akademie-Tagung zur Islamischen Ahmadiyya-Gemeinde.

Sie werde in Zukunft sicher stärkere öffentliche Beachtung finden und könne ein interessanter islamischer Partner für Kooperationsprojekte sein. Das hat bereits vor acht Jahren Dr. Hussein Hamdan von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart über die Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) geschrieben, die islamische Ahmadiyya-Gemeinde. Gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Christian Ströbele und Dr. Theresa Beilschmidt von der Tübinger Stiftung Weltethos sowie Dr. Manan Haq, Landesbeauftragter der Ahmadiyya in Baden-Württemberg, leitete er jetzt in Stuttgart-Hohenheim die Tagung „Ahmadiyya in Deutschland“. Es war hierzulande die erste Tagung überhaupt, bei der sich diese Richtung des Islam selbst vorstellen und dem Dialog stellen konnte.

Heute ist die AMJ mit rund 50.000 Mitgliedern und etwa 220 Gemeinden in Deutschland zwar eine eher kleine muslimische Community, kann aber eine besonders starke gesellschaftliche und politische Präsenz vorweisen, bietet sich im Bund, in den Ländern und in den Kommunen als Gesprächs- und Kooperationspartner an und beteiligt sich durch ehrenamtliche Gemeinwesenarbeit am sozialen Leben der Gesamtgesellschaft. Sie ist in Hamburg und Hessen als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt und hat – nicht zuletzt – einen kontinuierlichen Mitgliederzuwachs.

Das hat vielerlei Gründe. Die AMJ ist straff organisiert – mit Spiegelstrukturen auf Bundes-, Regional- und Kommunalebene, die auch für ihre Frauenarbeit und ihre Jugendorganisation gelten. Sie betreibt eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit. Sie ist ausdrücklich friedensorientiert, und ihre Repräsentanten treten freundlich und dialogfähig auf. Und es ist ihr wichtig, dass alle ihre Aktivitäten aus einer tiefen Spiritualität gespeist sind. Ihre Autoritäten sind charismatische Persönlichkeiten mit einer starken Anziehungskraft.

Ob es auch an einem „Minderheiten-Bonus“ liegen könne, fragt Hussein Hamdan. Die AMJ wurde in den 1880er Jahren in Indien gegründet. Mirza Ghulam Ahmad, ihr Gründer, wird in der Gemeinschaft als der erwartete Messias verehrt. Er wollte zunächst keine neue Offenbarung beanspruchen, sondern Erneuerer eines verkrusteten Islam sein. Dennoch führt sein späterer Selbstanspruch als Messias und Mahdi und seine Verehrung als Prophet zu einem innerislamischen Konflikt wegen seines Verhältnisses zum Propheten Mohammed. Auch die Deutung Jesu, die Verneinung seines Kreuzestodes, die sehr metaphorische Vorstellung seiner Wiederkunft – dies alles führt zur Isolation  der AMJ durch andere islamische Richtungen. In Pakistan sind sie schlimmsten Verfolgungen ausgesetzt.

Ist die AMJ tolerant? Sie legt größten Wert darauf. Die strikte Geschlechtertrennung scheint dagegen zu sprechen. Sie schaffe einen geschützten Raum für Frauen, betonen jedoch die Ahmadis selbst, vor allem in der Ausübung des spirituellen Lebens. „Wer sich zu einem Glauben bekennt, der ist Muslim“, lautet eines der Prinzipien der AMJ – ein Mensch also, der sich dem Willen Gottes unterwirft. Da ist Platz für viele und vieles.

Allerdings: Kann eine fundamentalistisch-verbale Auslegung des Koran einerseits und eine eklektizistische Bibelauslegung in der zentralen Frage der Bedeutung Jesu Christi wirklich Basis eines echten Dialogs zwischen der AMJ und dem christlichen Glauben sein? Unterschiedliche Kulturen der Auslegung der jeweiligen heiligen Schriften stehen einander gegenüber. Das widerspricht nicht dem ehrlichen Willen zum Dialog auf beiden Seiten. Er hat mit dieser Tagung einen guten Anfang genommen.

Dr. Thomas Broch

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