Politik und Internationalität. Peter Niedergesäss hat die KAB unverwechselbar geprägt

Das Internationale und die Politik – beides hat das rund 50-jährige Berufsleben von Peter Niedergesäss geprägt. Und beides hat bei ihm seine Wurzeln schon in jungen Jahren. Im November 2020 wurde der 1955 in Geislingen bei Balingen geborene Diözesansekretär der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) Rottenburg-Stuttgart in den Ruhestand verabschiedet. Die anspruchsvollen Herausforderungen habe er immer mit großem Gottvertrauen angenommen, sagt er im Rückblick.

Mit Afrika kam der zehnjährige Bub zum ersten Mal in Berührung durch einen Claretiner-Missionar vom Spaichinger Dreifaltigkeitsberg, der in den Gemeinden rund um den Heuberg mit Afrika-Geschichten Jungen für das Ordens-Internat gewinnen wollte. Daraus wurde mit dem kleinen Peter nichts, aber Afrika sollte zu einem wichtigen Teil seines späteren Lebens werden. Das Politische: Während seines Zivildienstes bei einem Kreisverband des Roten Kreuzes wollte der junge Mann dort einen Betriebsrat aufbauen – auch daraus wurde nichts, aber die Arbeit mit Betriebsräten wurde später zentral für ihn.

Doch der Reihe nach: 1973 wurde der junge Werkzeugmacher von der örtlichen Mädchen-CAJ in seinem Dorf zur Mitwirkung an Berufsvorbereitungsaktionen eingeladen. Die CAJ-Arbeit brachte ihn auch in Kontakt mit der diözesanen Ebene, und so kam es, dass er 1976 zum CAJ-Diözesan-Sekretär beim BDKJ in Wernau gewählt wurde – zunächst für drei Jahre, und da diese sehr erfolgreich waren, wurden daraus fünf.

Noch in Wernau heiratete er seine Ehefrau Hildegard, eine Erzieherin; 1982 kam der Sohn zur Welt, 1985 – bereits in Essen – die Tochter. Drei Enkelkinder sind bis heute dazugekommen.

Nach Essen, zur CAJ-Bundeszentrale, wurde Peter Niedergesäss 1982 als Nationalsekretär gewählt – wiederum für drei und dann für weitere zwei Jahre. Verantwortlich für die internationalen Aktivitäten des Verbandes knüpfte er Kontakte mit CAJlern aus Südkorea und bekam im Gespräch mit diesen erstmals, so sagt er, Vorstellungen, was weltwirtschaftliche Verflechtungen bedeuten. Auch um Argentinien und Chile erweiterte er seinen Erfahrungshorizont. Als bundesweiter Koordinator der diözesanen CAJ-Partnerschaften habe er damals auch viel über Partnerschaftsarbeit gelernt.  

Da Peter Niedergesäss die CAJ auch auf internationaler Ebene vertrat, geriet er unmittelbar hinein in die heftigen Turbulenzen der internationalen CAJ, die sowohl aus entwicklungspolitischen als auch kirchenpolitischen Gründen 1986 zu deren Spaltung führten.

Das hat ihm bei der Rückkehr in die heimische Diözese Rottenburg-Stuttgart, jetzt im Dienst der KAB, einige Stolpersteine in den Weg gelegt, aber schließlich konnte er zu Beginn des Jahres 1987 doch seine neue Stelle antreten – und zwar als erster Regionalsekretär. Waren die KAB-Sekretäre bis dahin Fachreferenten in Stuttgart, so hatte er die Regionalisierung zur Bedingung seiner Anstellung gemacht. Zuständig für die Region Oberschwaben, oblag ihm als „Betriebssekretär“ fachlich zugleich die Arbeit mit Betriebs- und Personalräten; auch arbeitete er eng mit der Betriebsseelsorge zusammen. Und einmal mehr traf sich das Politische und das Internationale in ihm. An der Entwicklung von Richtlinien für europäische Betriebsräte in den transnational agierenden Konzernen war er beteiligt, aber auch an der Kooperation deutscher und französischer Betriebsräte und Gewerkschaften, wenn es etwa um die Schließung des Laupheimer Werks von Airbus oder des Tolouser Werks einer schwäbischen Papierfabrik ging. Aus den Anfängen entwickelte sich eine Zusammenarbeit mit Gewerkschaften auf europäischer Ebene, mit Seminaren für Betriebsräte in Brüssel und mit zweijährigen Projekten etwa zur Digitalisierung oder zu altersspezifischen Arbeitsplätzen. Das alles läuft bis heute, und auch im Ruhestand wird Peter Niedergesäss noch um Mitarbeit angefragt.

Das Jahr 2000 stellt erneut eine Zäsur dar: Der Regionalsekretär wird Diözesansekretär der KAB Rottenburg-Stuttgart. Zuvor hat er von einem sechswöchigen Studienaufenthalt in New York Impulse aus der dortigen Großstadtpastoral mitgebracht – vor allem das „Organizing“, die Zusammenarbeit über konfessionelle und religiöse Grenzen hinweg bei der Mobilisierung von Menschen für soziale Projekte. Das gibt es jetzt auch in der hiesigen KAB.

Zu den zwei Jahrzehnten seither gehört unablösbar Uganda. 2003 hat er zusammen mit seiner Familie zum ersten Mal an einer Reise dorthin teilgenommen – sechs sind inzwischen daraus geworden. Und obwohl ihm ursprünglich Lateinamerika innerlich viel näher gewesen ist als Afrika, sagt er heute: „Uganda ist mir ans Herz gewachsen.“

Werner Reiter, langjähriger Missionsreferent der diözesanen KAB, 2018 verstorben, hatte in der Diözese Masaka schon seit langem von der KAB-Region Heilbronn aus soziale Projekte unterstützt und 1995 erstmals einheimische KAB-Gruppen gegründet. Catholic Workers Movement (CWM) heißen sie dort. Unterstützt wurde dies vom dortigen Bischof John Baptist Kaggwa, mit dem die KAB Rottenburg-Stuttgart bis zu dessen Tod im Januar 2021 eng verbunden war. Heute, nach 25 Jahren, ist das CWM in Uganda eine Erfolgsgeschichte. Das Prinzip: die einzelnen Gruppen erhalten z. B. Schweine oder Kühe für ihren Lebensunterhalt und bilden sich in landwirtschaftlichen Kenntnissen fort. Durch den Verkauf von Ferkeln und Kälbern erzielen sie zugleich Einkommen, verpflichten sich aber auch, 25 Prozent des Erlöses an die Ärmsten im Dorf weiterzugeben. Das sind alte oder kranken Menschen, AIDS-Kranke, Gefangene, in jüngerer Zeit – so v. a. in der nordugandischen Diözese Arua – besonders Geflüchtete aus dem Südsudan. Erweitert wurden diese Aktivitäten durch die Gründung von Spar- und Darlehenskassen, die die CWM stark geprägt und vor allem selbständiger und unabhängiger von Spenden gemacht haben.

Der „Mehrwert“ liegt aber nicht nur auf ugandischer Seite. Auch hierzulande hat diese Partnerschaft das internationale und interkulturelle Denken gefördert, neue Mitglieder konnten gewonnen werden, und manche KAB-Gruppe hat durch die Uganda-Partnerschaft neue Aufgaben gefunden.

Und etwas Wichtiges ist aus dieser Partnerschaft erwachsen. In Gesprächen mit den Freundinnen und Freunden aus Uganda ist die Ungerechtigkeit der Handelsverträge der Europäischen Union mit den Ländern Ostafrikas deutlich geworden. „Partnerschafts-Abkommen“ nennen sie sich zwar; in Wirklichkeit sollen sie aber vorrangig dazu dienen, europäische Produkte zollfrei in ostafrikanische Länder zu exportieren. Diese haben zwar formal die gleichen Möglichkeiten in Europa, aber kaum eine Chance, dies zu realisieren.

Hier trifft sich also noch einmal das Politische und das Internationale in Peter Niedergesäss: Zusammen mit den ugandischen Partnern entwickelt er eine Internet-Plattform, um Unterschriften für eine Petition für „Faire Handelsverträge für Ostafrika“ zu sammeln: rund 120.000 Unterstützer hat die Aktion inzwischen. Gerd Müller, noch amtierender Minister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, hat sie bei der Entgegennahme der Unterschriften sehr begrüßt und betont, ein zentraler Bestandteil fairer Handelsbeziehungen müsse unbedingt ein Lieferkettengesetz sein. 2020 hat die KAB für diese Kampagne den „Fair Trade Award“ bekommen (s. dazu DRS:GL0BAL 1/2021). „Neben der konkreten Hilfe, der Kuh oder dem Schwein, braucht es halt auch politische Veränderungen“, kommentiert Peter Niedergesäss.

P.S. In seinen Beruf als Werkzeugmacher sei er eher „hineingeschlittert“, sagt Peter Niedergesäss – bis er dann wahrgenommen habe, dass „bekannte Arbeiterführer“ wie Franz Steinkühler, Berthold Huber oder Norbert Blüm ebenfalls Werkzeugmacher waren und ihm die Bedeutung dieses Berufs   für das soziale Gefüge der Betriebe damals deutlich geworden sei. Heute sei er stolz darauf.

Dr. Thomas Broch

 

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