Leidenschaft für eine Kirche, die nah am Leben der Menschen ist. Pfarrer Wolfgang Herrmann geht als Fidei-Donum-Priester nach Argentinien.

Es ist ein Abschied und eine Heimkehr zugleich: Zum Beginn des Jahres 2023 wird Pfarrer Wolfgang Herrmann, seit Oktober 2007 Leiter der Betriebsseelsorge der Diözese Rottenburg-Stuttgart, seine Zelte abbrechen und als Fidei-Donum-Priester in die argentinische Diözese Santiago del Estero gehen. Und es ist auch eine Heimkehr. Denn in Lateinamerika, in einem kleinen theologischen Seminar in Mexiko, hat er ein einjähriges Auslandsstudium absolviert. Dort hat er eine Kirche und eine Pastoral kennengelernt, die sehr nahe an den Fragen und dem Leben der Menschen ist, eine sehr geschwisterliche Kirche mit hoher Wertschätzung für die lokalen und kulturellen Identitäten. Das fasziniert ihn bis heute, und er hat diese Erfahrung von Kirche später in seine Tätigkeit als Pfarrer in Deutschland eingebracht – ebenso wie er seine langjährigen hiesigen Erfahrungen vielleicht dort einbringen kann, wo er jetzt hingeht – vor allem aber seinen Glauben an die Kraft des Evangeliums und an den Diόs de la vida.

Geboren ist Wolfgang Herrmann 1967 in Bad Urach als ältester von drei Jungen. Die Mutter, demnächst 86 Jahre alt, stammt von einem Hof im katholischen südoldenburgischen Münsterland. Auf einem Hofgut nahe Köln hat sie ihren späteren Mann kennen und lieben gelernt, einen Landwirtschaftsmeister, der in der damaligen Domäne Kirchberg bei Sulz am Neckar geboren wurde und in Ulm aufgewachsen ist. Die St. Franziskusgemeinde in Weilheim a. d. Teck, wo die drei Brüder aufgewachsen sind, hat Wolfgang in seiner Jugendzeit als „weltzugewandte, junge, ökumenisch  ausgerichtete Kirche“ stark geprägt. So hat es für ihn eine innere Folgerichtigkeit, dass er nach dem Abitur in Kirchheim a. d. Teck das Theologiestudium in Tübingen aufgenommen hat, in dessen Rahmen er dann nach Mexiko gehen sollte.

Diakon war er in Waiblingen; nach der Priesterweihe am 6. Juli 1996 war er für je zwei Jahre Vikar in Tettnang und in Freudenstadt – beide Male mit Vakanzunterbrechungen an der Pfarrstelle. Ab 2001 war er Pfarrer und Leiter der Seelsorgeeinheit Lone-Brenz zunächst in Herbrechtingen und dann in Niederstotzingen. Es seien viele gute, aber für einen jungen Pfarrer auch herausfordernde und anstrengende Jahre gewesen, erinnert er sich an diese Zeit. Vor allem aber erinnert er sich an die „tollen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ von damals, mit denen zusammen eine kooperative Gemeindeleitung, die ihm immer ein Anliegen war, gut gelingen konnte. Eines der Highlights dieser Zeit sei im Jahr 2005 das Basis-Gemeinde-Forum deutscher Sprache mit Gästen aus dem In- und Ausland gewesen. Es sei der Versuch gewesen, „eine Kirche zu leben, die ganz nah dran ist an den Fragen der Menschen“. Da ist er wieder, der pastorale Impuls, den er aus Mexiko mitgebracht hatte. Und dieses Bemühen um Nähe zu den Menschen konnte im Jahr 2005 – dem Jahr der Hartz-Reformen und dem Höchststand der Arbeitslosigkeit, der Flexibilisierung der Arbeitswelt, die für ihn eine „Prekarisierung der Arbeit“ bedeutet – nur heißen, dass es keine Kirchenentwicklung geben konnte ohne den Blick auf den Arbeitsmarkt und dessen Entwicklung und die Sorgen der von den Schwierigkeiten betroffenen Menschen.

Bei diesem Forum waren auch Pfarrer Paul Schobel, der damalige Leiter der Betriebsseelsorge, und Peter Niedergesäss, damals Diözesansekretär der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung, zugegen, und ihnen ist es wohl zu verdanken, dass bei der Suche nach einem Nachfolger für Schobel, der in den Ruhestand ging, der Blick auf Wolfgang Herrmann fiel. Am 1. Oktober 2007 wurde er ernannt, im Februar 2008 trat er nach einer intensiven Vorbereitungszeit seinen Dienst an der neuen Stelle an.

Gefragt nach herausragenden Erfahrungen in seiner Zeit als Betriebsseelsorger, kommt Wolfgang Herrmann auf drei Punkte zu sprechen.

An erster Stelle nennt er das sehr hohe Maß an Kollegialität im Team der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, an Weggemeinschaft, an Reflexivität und Offenheit für Lebenssituationen, denen sie bei ihrer Tätigkeit fernab von Pfarreistrukturen begegnen. Eine „verschworene Truppe“ nennt er sie, „in der wir uns auf einander verlassen können, wenn es einmal hart hergeht“.

Ein zweiter Punkt – auch sein persönlicher Arbeitsschwerpunkt – ist der Bereich der Arbeitsmigration und die Bekämpfung der Arbeitsausbeutung. Vor allem die Osterweiterung der Europäischen Union mit ihrer Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt habe den Zuzug sehr vieler „mobiler Beschäftigter“ mit sich gebracht. Viele von ihnen seien in prekären, ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen gelandet – nicht nur, aber beispielsweise auch in der Fleischindustrie –, würden nicht den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn erhalten oder grundsätzlich in ihren Rechten eingeschränkt, die sie aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse oft gar nicht kennen. Es sei seine eigene Erfahrung von Nähe und Fremdheit in einer anderen Kultur, die ihn kultursensibel gemacht habe, sagt er. Als Konsequenz aus diesen Umständen hat die Betriebsseelsorge z. B. auf der Großbaustelle Stuttgart 21 eine Diakonenstelle eingerichtet und mit Peter Maile besetzt, dessen Aufgabe es ist, für würdige Arbeitsbedingungen mit zu sorgen und für die Menschen in ihren Sorgen und Problemen da zu sein. In diesem Zusammengang seien auch vertiefte Kontakte zu den Gewerkschaften entstanden – was wegen der unterschiedlichen arbeitsrechtlichen Strukturen keine Selbstverständlichkeit sei. Die Betriebsseelsorge Rottenburg-Stuttgart sei der erste und inzwischen sehr geschätzte kirchliche Kooperationspartner des  vom Deutschen Gewerkschaftsbund getragenen Beratungsnetzwerks „Faire Mobilität“ und habe in Stuttgart eine der ersten Beratungsstellen eingerichtet. Ein neu hinzugekommener Teilaspekt dieses Aufgabenbereichs sei die Situation der Mitarbeitenden in Logistik- und Transportunternehmen. Noch sei es schwierig, mit dieser Personengruppe strukturierte Kontakte aufzubauen.

Und ein drittes, bedrängendes Anliegen ist für ihn „die Gruppe, über die niemand spricht“, die fast zweieinhalb Millionen gemeldeten Arbeitslosen, davon alleine in Baden-Württemberg rund 75.000 Langzeitarbeitslose. „Ich kann es nicht hinnehmen, dass wir Menschen auf dem Niveau des Existenzminimums durchs Leben schicken, wobei dieses Minimum durch die Regelsätze nicht einmal gedeckt ist“, sagt Wolfgang Herrmann. So stelle man Menschen bewusst an den Rand der Gesellschaft und mache sie zu Ausgeschlossenen, zu den Excluidos, von denen Papst Franziskus spreche. Er habe oft erlebt, wie viel Kreativität, Vitalität, Potenziale in solchen Menschen – trotz oft vorhandener persönlicher Einschränkungen – da seien. Sie dürften nicht abgeschrieben werden.

Wie er die Kirche von heute erlebt? „Eine bleierne, bedrückende Zeit“, findet Wolfgang Herrmann. Er sieht die Kirche an einem Scheideweg. Auf der einen Seite konstatiert er den Exodus so vieler Menschen, die sich – aus unterschiedlichen Gründen – nicht mehr in der Kirche aufgehoben fühlen. Die größte Herausforderung stellt für ihn die Frage dar, wie Glaubensvermittlung heute überhaupt noch gelingen könne. Das europäische Modell von Kirche sieht er am Ende. Und ist doch nicht resigniert. Im Synodalen Weg, so hart dieser Weg auch werden mag, sieht er eine Kirche „aufblitzen, die den Geschmack der Zukunft an sich trägt“. Man müsse zum „Spurenleser“ werden, sagt er – Spuren erkennen, wo Neues entsteht und wie dies aussehen kann, auch wenn es nicht in herkömmliche Formen passt. Bei vielen jungen Menschen sieht er dies – etwa bei den jungen Freiwilligen im Weltkirchlichen Friedensdienst. Und vor allem sieht er dies in Formen des Gemeindelebens, die er bei indigenen Menschen in Lateinamerika erlebt – in ihrer Anbindung an indigene Kultur und Geschichte, in ihrer Spiritualität. Hier entdeckt er eine „autochthone Kirche in der Spur der Nachfolge Jesu“. Er glaubt an die Kraft des Evangeliums, sieht aber auch, dass eine Pluralität von Ausgestaltungen möglich sein muss, ohne dass die Einheit im Glauben an Jesus Christus in Frage gestellt würde.

Und seine persönliche Zukunft in Argentinien? „Mein Rucksack ist halb gefüllt mit Erfahrungen als langjähriger Seelsorger, und er ist halb leer, damit er sich hoffentlich mit vielen neuen Erfahrungen füllen kann“, sagt Wolfgang Herrmann. Und: „Wo es Menschen gibt, wird es auch Leben geben, und es wird auch ein gutes Leben mit mir geben.“

Dr. Thomas Broch

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