"Alle, außer mir" (Buchtipp)

„Alle, außer mir“: Verdrängung und Verantwortung für die Taten der Väter in Italien

Die römische Schriftstellerin Francesca Melandri wirft in ihrem Roman „Alle, außer mir“ ein Schlaglicht auf die Aufarbeitung des Faschismus in Italien. Der Roman skizziert die blinden Flecken einer italienischen Familie, die durch Lügen über Generationen weiter getragen werden. Fast anklagend weist sie auf die Parallelität zwischen der expansiven und menschenverachtenden Politik des Mussolini-Regimes  im Kaiserreich Abessinien und der gegenwärtigen Migrationspolitik der Europäischen Union hin.

Auch wenn das Buch 2018 geschrieben wurde, hat die Szene der Unmenschlichkeit von ihrer Aktualität nichts verloren. Anschaulich und intim beschreibt Melandri die Familiengeschichte der Profetis. Da ist der Vater, der als Mitglied der „camicie nere“, der „Schwarzhemden“, im heutigen Äthiopien einfällt und dazu beiträgt, eine der ältesten christlichen Kulturen durch Rassenwahn zu degradieren; die Tochter, die merkt, dass sie ihren Vater gar nicht wirklich kennt und doch liebt und ihm immer wieder verzeiht; der geflüchtete Neffe, der für sich nichts weiter will als Frieden und Freiheit in einer sicheren Gesellschaft. Über mehrere Generationen hinweg spannt Melandiri das Netz aus Liebe, Verachtung und Verdrängung einer Familie, in der nichts ist, wie es zu sein scheint. Vielleicht sind es die eigenen Geschichten der deutschen Vergangenheit, die dazu führen, einiges Mitgefühl für die Protagonisten zu empfinden.

Ein starkes und lesenswertes Buch.

Philipp Schröder

Francesca Melandri: „Alle, außer mir“, Roman, aus dem Italienischen von Esther Hansen, Berlin (Wagenbach) 2018, 608 S., ISBN 3-442-716861, geb. 26 Euro, brosch. 12 Euro.