Endstation Rabat

Migranten in Marokko und ihre Betreuung durch Projekte der Caritas

Meine Reisen haben mich schon einige Male zu von der Diözese Rottenburg-Stuttgart unterstützten Flüchtlingsprojekten geführt, wo Menschen betreut werden, die vor Terror, Krieg, Naturkatastrophen und vielen anderen Notsituationen fliehen mussten und ihre Heimat verlassen haben. Vom 18. - 20. Februar aber war ich in Rabat, der marokkanischen Hauptstadt an der Atlantikküste, und sah eine ganz andere Art von Projekten.


Spätestens seit der faktischen Schließung der Mittelmeerroute kommen vermehrt Flüchtlinge aus den afrikanischen Ländern südlich der Sahara in Marokko an mit der Hoffnung, über das nahe spanische Festland oder die beiden spanischen Enklaven Ceuta und Melilla nach Europa zu gelangen. Eine Hoffnung, die sich für die meisten nicht erfüllen wird, da die spanischen Grenzen teilweise festungsgleich ausgebaut wurden. Also sind die Menschen nun in Marokko. Der Staat oder muslimische Organisationen kümmern sich aber kaum um sie; nur die Caritas Rabat hat mit der Hilfe der Diözese Rottenburg-Stuttgart und anderer internationaler Partner mittlerweile eine ganze Kette von Zentren aufgebaut, um diese Migranten zu unterstützen.


Diese Zentren sind für viele die ersten Anlaufstationen. Komplexe Programme versuchen, die drängendsten Probleme zu erkennen und Lösungen zu finden. Hier werden die Migranten beraten, medizinische Hilfen und Möglichkeiten der Unterkunft werden vermittelt. Besonders Bedürftige erhalten auch Nahrung, Medikamente und Decken, Kinder werden in Schulen und Kindergärten vermittelt und Erwachsene erhalten rechtliche Beratung und Informationen für das Leben in Marokko. Eine Integration aller Flüchtlinge in das Gastland ist wegen der großen Zahl aber nicht möglich.


Was unterscheidet diese Menschen, die ich in Marokko getroffen habe, aber von denen, die ich im Nordirak, in Jordanien, im Südsudan oder in Tansania besuchen konnte? Dort waren es Flüchtlinge, die aus Gewaltsituationen fliehen mussten und die den Flüchtlingsstatus beim UNHCR erlagen konnten. Die meisten Flüchtlinge in Marokko aber sind weit davon entfernt. Denn es sind zum größten Teil Arbeitsmigranten, Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, weil sie Geld für ihre Familie verdienen wollen und oft genug von Erzählungen über scheinbar paradiesische Zustände in Europa angelockt wurden. Ist das etwa ein Grund, diesen Menschen nicht zu helfen? Die Realität sieht nämlich leider schon auf dem Weg ganz anders aus. Sie müssen sich durch viele Länder durchkämpfen, können ab und zu ein wenig Geld verdienen für die Weiterfahrt oder erhalten von der Familie geschicktes Geld (die wenigsten Migranten kommen aus wirklich bitterer Armut). Aber in vielen „schwarzen“ Arbeitsverhältnissen werden sie ausgenutzt. Sie müssen extreme gesundheitliche Risiken überstehen, besonders bei der gefährlichen Reise durch die Wüste (heutzutage kommen aber auch viele mit dem Flugzeug). Oft kommen sie körperlich oder seelisch am Ende in Marokko an. Ihr Traum war es jedenfalls niemals, in Marokko zu landen. Sie hängen fest, scheinbar so kurz vor den goldenen Toren Europas, sie dürfen nicht arbeiten und haben keine Möglichkeit der Beschäftigung. An Rückkehr in die Heimat denken die wenigsten von ihnen. Zu groß wäre der Gesichtsverlust, wenn sie ohne etwas in der Hand zurückkehren würden. Sie sind unzufrieden, aber der Service der Caritas hilft ihnen nicht nur zu überleben, sondern er hilft ihnen auch, ihrem Traum ein Stück näher zu kommen.


Wegen der großen Zahl der Migranten kümmert sich die Caritas der Erzdiözese Rabat in besonderer Weise um die verwundbarsten von ihnen: um Frauen, besonders um Schwangere, und um unbegleitete Minderjährige. Diese werden in angemieteten Wohnungen untergebracht, von den anderen Migranten getrennt, von denen ihnen oft genug Gewalt droht. Zwei Wohngruppen von minderjährigen Jungen konnte ich in Rabat und Meknes besuchen. In Meknes wird den Jugendlichen eine kostenpflichtige Ausbildung oder ein Sprachkurs ermöglicht. Die Begegnung mit den tieftraurigen Jugendlichen in Rabat hat mich geschockt. Sie sind traumatisiert, sie haben Gewalt und Missbrauch hinter sich, sie haben ihre Hoffnungen und ihre Zukunftsvisionen verloren, sie müssen geschützt und unterstützt werden, damit sie dem Leben wieder trauen können. Mit leiser, trauriger Stimme erzählen manche von ihnen aus ihrer Geschichte. Der jüngste von ihnen sagt, er sei 10 Jahre alt. Er habe die Elfenbeinküste verlassen, weil seine Eltern sehr arm seien und kein Schulgeld mehr bezahlen konnten, aber er unbedingt wieder zur Schule gehen wollte. Er hörte, dass in Marokko der Schulbesuch kostenlos sei und machte sich mit zwei Freunden auf den Weg. Ein anderer kam aus Kamerun und brach auf, weil er Geld verdienen wollte; das Geld für den Flug und für den Pass verdiente er sich tatsächlich selbst, zum Beispiel mit Schuheputzen. Sicher steckt eine gehörige Portion Abenteuerlust hinter manchem dieser Schicksale. Aber spätestens an der marokkanischen Grenze endet das Abenteuer: Minderjährige, die in Marokko ankommen, werden in Jugendgefängnisse gesteckt, da der Staat keine anderen Unterbringungsmöglichkeiten für Minderjährige hat. Die Zustände dort muss man sich wohl nicht vorstellen. Was für ein Glück, wenn sie von der Caritas aufgesammelt werden und einen Platz in einer solchen Wohngruppe erhalten.


Ich bin sehr froh, dass wir als Diözese Rottenburg-Stuttgart über unsere Zusammenarbeit mit Caritas International in Freiburg mit dazu beitragen können, dass diese jungen Menschen einen geschützten Raum erhalten, dass sie zumindest für eine gewisse Zeit in Sicherheit leben können, um ihr Essen nicht bangen müssen (das sie aber selbst kochen) und dass ihnen psychologische Hilfe zuteil wird.


Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass diese jungen Menschen teilweise von ihren Eltern in die Fremde geschickt wurden, um dort Geld zu verdienen und sie aus der Ferne zu unterstützen. Es ist natürlich in Afrika bekannt, dass unbegleitete Minderjährige in Europa als Flüchtlinge anerkannt werden. Aber sie kommen oft erst auf diese abgelegene Idee, weil die Eltern wissen, dass sie sich nicht auf den Weg machen müssen, da sie nicht aus Bedrohungssituationen kommen und keine Anerkennung als Flüchtlinge erwarten dürfen. Verhinderte Arbeitsmigration zieht soziale Migration nach sich. Das ist die nackte Wahrheit.


Wir können die Anziehung unseres Wohlstands in Europa nicht wegdiskutieren. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass es immer Menschen geben wird, die aus Afrika oder woanders her kommen und weite und gefährliche Reisen auf sich nehmen, mit der Hoffnung, in Europa Geld zu verdienen und ihre Familien zu Hause zu unterstützen. Und auch wenn die europäische Politik immer mehr auf Abschottung setzt und die Grenzen mehr und mehr zu Festungswällen ausbaut, müssen wir zumindest diskutieren, ob es nicht ein Weg wäre, mit dieser Realität umzugehen, indem wir solche Arbeitsmigranten legal aufnehmen würden, nicht als Flüchtlinge, aber ihnen eine Arbeitserlaubnis für 3 Monate im Jahr erteilen würden. Sie könnten danach mit erhobenem Haupt zu ihren Familien zurückkehren, ihr verdientes Geld stolz präsentieren, und würden nicht mehr als Flüchtlinge in Marokko versauern.


Ende März wird Papst Franziskus nach Rabat reisen. Er wird dasselbe Caritasprojekt besuchen. Ich bin sehr gespannt, welche Botschaft er von dort nach Europa aussenden wird. Vielleicht erinnert er uns an die christliche Grundtugend des Teilens.

Rabat, 20. Februar 2019
Dr. Heinz Detlef Stäps
Leiter der Hauptabteilung Weltkirche
Diözese Rottenburg-Stuttgart