Hilfe in auswegloser Situation

POC 3 – hinter dieser technischen Abkürzung verbirgt sich das Schicksal tausender Menschen. Denn sie steht für „Protection of civilians“ (Schutz von Zivilisten) und bezeichnet das dritte von drei UN-Flüchtlingscamps in Juba, der Hauptstadt des Südsudans. 11.000 Familien sind alleine in diesem dritten Camp zum größten Teil bereits seit 3 oder 4 Jahren untergebracht (in allen drei Lagern in Juba zusammen sind es 27.000 Familien, die ungefähre Personenzahl erhält man durch Multiplikation mit 5!) und es werden noch mehr. Alle sind sogenannte IDPs (Internally displaced persons), also Binnenflüchtlinge, die im eigenen Land zu Flüchtlingen geworden sind, durch einen alten Stammeskonflikt, der von Präsident Salva Kiir und seinem ehemaligen Stellvertreter Machar auf brutalste undgewissenloseste Weise ausgenutzt wurde, um ihre politische Rivalität auszutragen, auf dem Rücken der Bevölkerung des eigenen Landes. Der Konflikt hat bisher schon Zehntausenden von Menschen das Leben gekostet und fast 4 Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht, 2 Millionen im eigenen Land, der Rest floh in die angrenzenden Länder, vor allem nach Uganda.

Dabei hatte alles so hoffnungsvoll angefangen, als 2011 der Südsudan als bislang jüngster Staat der Welt gegründet wurde und sich nach jahrelangen blutigen Auseinandersetzungen (mit mindestens 3 Millionen Toten) vom verhassten Norden trennen konnte. Nun würde alles besser werden, da war sich die christliche Minderheit im alten Sudan sicher, die nun einen eigenen Staat erhielt und die muslimische Mehrheit im nördlichen Sudan zurücklassen konnte. Doch leider war dies weit gefehlt. Zu wenig hatte man damit gerechnet, dass die Spaltungen zwischen den Stämmen größer sein könnten als das Verbindende der gemeinsamen Religion, sobald der gemeinsame Feind nicht mehr vorhanden war.

„Wir hoffen auf Frieden,“ war die einhellige Aussage, als ich die Menschen nach ihren Hoffnungen fragte. Bis zu 15 Personen wohnen in den 3x3 Meter großen Zelten ohne Strom und Wasser, beides gibt es nur an öffentlichen Verteilpunkten. Die Nahrung ist knapp, das Wasser, das mit Tankwagen herangekarrt werden muss, sowieso; die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal, was sich vor allem an den Toilettenanlagen bemerkbar macht. Krankheiten sind die Folge: Hautkrankheiten, Cholera, Typhus, Augenerkrankungen, aber natürlich auch Malaria, Geschlechtskrankheiten und AIDS machen sich breit im Lager. Es gibt nur eine von einer internationalen Ärzteorganisation geleitete Krankenstation mit 5 Ärzten. Doch was ist das für so viele?

Besonders bedrückend ist, dass die Menschen das Lager nicht verlassen können, weil die ansässige Bevölkerung ihnen sehr feindlich gesonnen ist. Frauen verlassen das Lager manchmal, um Feuerholz zu sammeln oder Lebensmittel zu finden; manche kehrten nicht zurück oder wurden vergewaltigt. Männer laufen Gefahr, gleich umgebracht zu werden. Das Lager ist sogar schon von außen beschossen worden.

Dass es dennoch Hoffnungsfunken gibt, ist vor allem den Daughters of Mary Immaculate zu verdanken, einer erst 1984 gegründeten indischen Schwesterngemeinschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, sich gerade in den Krisengebieten dieser Welt um die Menschen in Not zu kümmern. Mit ihnen gemeinsam hat die Diözese Rottenburg - Stuttgart im Verbund mit Caritas International schon seit 2015 Projekte im Volumen von fast 900.000 Euro in Juba auf den Weg gebracht, um die Menschen in den Camps mit Nahrungsmitteln, Decken, Hygieneartikeln und Medikamenten zu versorgen. Aber mindestens ebenso wichtig ist es, dass die Schwestern mit der Hilfe aus Rottenburg eine Schule im Lager aufgebaut haben, wo die Kinder von der Vorschule bis zur 8. Klasse unterrichtet werden (alle Lehrer kommen aus dem Lager), dass sie die Erwachsenen in Friedensbildung und die jungen Mütter in Gesundheitsfragen ausbilden. Und dazu kümmern Sie sich noch um die ansässige Bevölkerung, deren junge Menschen berufsfördernde Ausbildungen erhalten in der Hoffnung, auf diese Weise eine spätere Integration der Binnenflüchtlinge besser ermöglichen zu können. Es ist fast wie ein Wunder, dass es im Lager relativ ruhig bleibt. Trotz der vielen Ethnien, die hier auf engstem Raum zusammengepfercht sind, gibt es gelegentliche Reibereien, aber keine gewalttätigen Auseinandersetzungen. „Fast könnte dieses Lager ein Modell sein für das ganze Land,“ meinte dazu Oliver Müller, der Leiter von Caritas International in Freiburg, mit dem ich die Reise gemeinsam unternahm. Und so gibt es doch ein paar Hoffnungsstrahlen, auch wenn die Zukunft nicht rosig ist und die Menschen keinerlei Perspektive haben, wann sie das Lager wieder verlassen können.

11.01.18, Domkapitular Dr. Heinz Detlef Stäps